Die „Siedlung“ im Fokus

Maria Fellner, IBO

Maria Fellner, 47, leitet seit 2012 die Abteilung Gebäudebewertung am IBO, dem Österreichischen Institut für Bauen und Ökologie und verfügt über umfassende Erfahrungen in der Nachhaltigkeitsbewertung von Gebäuden und in der Entwicklung von Zertifizierungs-systemen. Aktuell beschäftigt sie sich vor allem mit Instrumenten zur Quartiersentwicklung, zum Beispiel in den Projekten Urban Area Parameters und Smart City Mikroquartiere. Ziel sind klimaverträgliche Siedlungen mit hoher Lebensqualität für die NutzerInnen.

Maria Fellner ist Mitglied des Leitungsgremiums klimaaktiv Bauen und Sanieren, einer Initiative des Lebensministeriums zum Klimaschutz. Sie erarbeitet in diesem Rahmen vor allem Kriterienkataloge für den Nichtwohnbau. Nach Bewertungssets für Büros, Schulen, Geriatriezentren, Lebensmittelsupermärkten und Logistikgebäuden stehen zur Zeit Pilotzertifizierungen für Hallenbäder und Fertigungsstätten an. Sieben Jahre lang leitete sie das EU Green Building Programm in Österreich und ist akkreditierte Auditorin für die internationalen Systeme BREEAM, DGNB, SNBS und Passivhauszertifizierung.

Maria Fellner startete 1997 nach Absolvierung eines Kollegs für Hochbau und eines geistes-wissen¬schaftlichen Universitätsstudiums (Theologie und Pädagogik) in einem Technik-Bereich, für den es damals weder ein klar definiertes Profil noch eine klassische universitäre bzw. Fachhochschul-Ausbildung gab, dem der Bauphysik und Bauökologie. In einem Ziviltechnikerbüro für Physik war sie zunächst zuständig für die Entwicklung zukunftsfähiger Gebäude-Energiekonzepte, für die Erstellung von Baustoffökobilanzen und die Einführung von Qualitätsmanagementsystemen im Baugewerbe und konnte hier wertvolle Auditerfahrungen sammeln.

Internationaler Diskurs

Zu einem Zeitpunkt, wo der fachliche Diskurs primär den Energieverbrauch von Gebäuden als den wesentlichsten Ressourcenparameter im Fokus hatte, war es ihr möglich, an umfassenden Nachhaltigkeitsstandards für den österreichischen Bausektor mitzuarbeiten.
In einem Forschungsprojekt unter kanadischer Leitung, dem Projekt „GBC - Green Building Challenge“ wurde 1998 ein internationales Mastertool entwickelt und an realen Gebäuden getestet. Aus diesem internationalen Diskurs heraus entstanden in Österreich 2001 die ersten umfassenden Nachhaltigkeitsbewertungssysteme u.a. der IBO Ökopass, Total Quality Building oder in späterer Folge der klimaaktiv Gebäudestandard. Mit der Entwicklung und Anwendung dieser Systeme in Österreich ist rückblickend ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Gebäudequalität, des Energie-und Ressourcenverbrauchs und der Etablierung von bauökologischen Themen wie „gesunder Innenraumluft“, „schadstoffarme Bauprodukte“ und erhöhter Ansprüche an visuellem, akustischem und thermischen Komfort in Gebäuden in der breiten Masse erreicht worden.

Die Siedlung im Fokus
Zurzeit stehen wir wieder vor einem Paradigmenwechsel in der Nachhaltigkeitsbewertung: die isolierte Betrachtung von Einzelgebäuden wird nicht ausreichen, um die ambitionierten Klimaschutzziele des Paris Abkommens zu schaffen. Deshalb steht bereits seit längerem die „Siedlung“ im Fokus der Forschungsaktivitäten des IBO. Änderungen im Mobilitätsverhalten durch Nutzungsmix auf Quartiersebene, smarte, auf erneuerbare Energien basierende Energiesysteme - im Gebäudeverbund intelligent aufeinander abgestimmt - , optimierte Prozesse in der Baustoffindustrie und auf der Baustelle, langlebige Produkte mit geringen Austauschzyklen sowie recyclinggerechtes und kreislauffähiges Bauen sind hier wesentliche Hebel.

Inwieweit die von der Schweiz propagierte 2000W Gesellschaft auch auf Österreich als Zielgröße für ambitionierte Dekarbonisierungsstrategien anwendbar ist, untersucht sie im aktuellen Forschungsprojekt „Urban Area Parameters“ unter Leitung des SIR. 2000W bedeutet, dass jedem/r ÖsterreicherIn max. 2 kW Primärenergie als mittlere jährliche Dauerleistung für die Sektoren Alltagsmobilität und Gebäude zur Verfügung stehen. Derzeit liegt der durchschnittliche Verbrauch bei 5,2 kW. In einem Bottom-Up-Ansatz wurden verfügbare „best available technologies“ zur Optimierung der Grauen Energie von Gebäuden auf ihre Kompatibilität mit den Sektoren-Zielwerten geprüft und weiterer Verbesserungsbedarf ausgelotet.  

Im Rahmen von „Smart City Mikroquartiere“ wird das Nachverdichtungspotenzial von ruralen und städtischen Bebauungsstrukturen untersucht. Die Maßnahmen sollen leicht multiplizierbar, von Mikroquartieren auf Stadtteile übertragbar sein und die Lebensqualität der BewohnerInnen des Grätzels deutlich anheben. Dazu werden auch - auf Basis der Auswertungen von Best Practise Beispielen aus ganz Europa – Benchmarks für Umwelt, Mobilität, Komfort und Wirtschaftlichkeit entwickelt. Das IBO arbeitet hier mit dem Umweltbundesamt, der TU Wien (Energy Economics Group), mit dem auf Stadtentwicklung spezialisiertem Architekturbüro Kleboth und Dollnig sowie mit der Fachhochschule Technikum Wien zusammen.

Für die Zukunft erwartet Maria Fellner, dass aus den Ergebnissen des ACR-Projekts „BIM  - digitale Gebäudemodelle für nachhaltige Gebäude“, an dem sie auch als Senior Researcher beteiligt ist, bauökologische und lebenszyklusorientierte Variantenvergleiche deutlich früher und in einem höheren Detaillierungsgrad in die Planung einfließen können. Damit werden wichtige Weichenstellungen früher gesetzt und die Kosteneffizienz in der Nachhaltigkeitsoptimierung von Gebäuden und Siedlungsstrukturen gesteigert.

In der Freizeit findet Maria Fellner im Laufsport, im Tanzen (von Latin bis französ. Folk) und im Bergwandern einen Ausgleich zur Büroarbeit.

www.ibo.at

Fotos

  • Maria Fellner, 47, leitet seit 2012 die Abteilung Gebäudebewertung am IBO, dem Österreichischen Institut für Bauen und Ökologie. Foto: IBO