Forschungsziel: Tests ohne Tierversuche

Elisabeth Mertl, OFI

Die Hautverträglichkeit von Medizinprodukten ist das Forschungsthema, mit dem sich Elisabeth Mertl, 27,derzeit intensiv beschäftigt. Die Biotechnologin ist seit 2011 beim ACR-Institut OFI tätig, wo sie sich vor allem auf Mikrobiologie und Zellkultur spezialisiert hat. In ihrer Forschungsarbeit entwickelt sie In-vitro Testmethoden, damit Hersteller von Medizinprodukten für ihre Zulassungsverfahren auf Tierversuche verzichten können. Daneben finalisiert sie ihr Doktoratsstudium der Technischen Chemie an der TU Wien. Der ACR erzählt sie, was sie an der Forschungstätigkeit herausfordert und welche Ziele sie sich noch gesteckt hat. Ein Interview.

Wie kann man sich Ihre Tätigkeit beim OFI vorstellen?
Meine Tätigkeit am OFI ist sehr vielseitig und umfasst sowohl Labortätigkeiten, Kundenkommunikation, Recherche zu diversen wissenschaftlichen Themen, als auch die Betreuung von Master- und Bachelorstudierenden. Ich bin vor allem im Bereich Mikrobiologie und Zellkultur tätig und beschäftige mich hauptsächlich mit der Hautverträglichkeit von Medizinprodukten. Dabei kommen immer wieder neue Fragestellungen auf, bei denen wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern, vor allem Kunden aus der Industrie, eine Lösung für ihre Probleme finden. Ich bewege mich dabei in einem Raum zwischen Forschung und reglementiertem Bereich. Unser Ziel ist es, dass Hersteller von Medizinprodukten für ihre Geräte eine Zulassung bekommen ohne auf Tierversuche, die noch in den Regelwerken verankert sind, zurückgreifen zu müssen. Wir haben in unterschiedlichen Versuchen gezeigt, dass unsere In-vitro Methoden ähnliche oder sogar sensitivere Ergebnisse liefern als die gängigen In-vivo Tests.

Ihre Forschung hilft also, Tierversuche zu vermeiden?

Während meines letzten Projekts „Biorelation“ konnten wir eine In-vitro Teststrategie erarbeiten, die zur Bewertung des Risikos von Medizinprodukten herangezogen werden kann. Durch eine Kombination von Zellkulturtests, chemischen Tests sowie eines „Non-target Screenings“ also der Detektion von unbekannten Substanzen, können verschiedene Parameter zur Hautverträglichkeit bewertet werden. Diese Bewertung passiert im Normalfall mittels Tierversuchen, durch unsere alternativen Methoden allerdings, kommen die kleinen Nagetiere nicht mehr zu Schaden. Die Ergebnisse dieses Projekts haben nicht nur wissenschaftlich Aufmerksamkeit gewonnen, sondern finden auch in der Industrie Beachtung. Wir bekommen viele Anfragen von Firmen, die ihren Kunden Produkte anbieten möchten, die tierversuchsfrei geprüft wurden.

Warum haben Sie sich für die Forschung entschieden?  Gab es dazu ein Schlüsselerlebnis?
Das Lösen von Rätseln sowie auch Detektivgeschichten haben mich schon seit meiner Kindheit  interessiert. Den Sachen auf den Grund zu gehen und herauszufinden, warum die Dinge so sind, wie sie sind, machen für mich den Alltag spannender. Während eines Schulprojekts habe ich mich intensiv mit Darwins Evolutionstheorie beschäftigt. Die Tatsache, dass Darwin allein durch Beobachtung und Hinterfragen ein Weltbild revolutionieren konnte, hat meinen ForscherInnengeist sicherlich noch etwas mehr geweckt.

Ein naturwissenschaftliches Studium lag also auf der Hand?
Ich habe mich für das Bachelorstudium „Lebensmittel- und Biotechnologie“ und in weiterer Folge für das Masterstudium „Biotechnologie“ an der BOKU entschieden, da ich darin die Möglichkeit sah, biologisches und chemisches Wissen mit angewandten, alltagsrelevanten Themen zu verknüpfen. Derzeit mache ich noch ein Doktoratsstudium der „Technischen Chemie“ auf der TU Wien.  

Welche sind Ihre bisher wichtigsten beruflichen Stationen?

Während eines Praktikums am IMBA (Institute for molecular biology Austria), eine der renommiertesten Forschungseinrichtungen Österreichs, habe ich erste Erfahrungen im Labor sammeln können und das „Pipettieren“ gleich in mein Herz geschlossen. Seit 2011 bin ich am OFI tätig, zuerst geringfügig, heute Vollzeit. Ich konnte hier in verschiedene Arbeitsgruppen hineinschnuppern und so die Breite der Tätigkeiten des Prüf- und Forschungsinstituts kennenlernen. Seit 2015 beschäftige ich mich hauptsächlich mit mikrobiologischen Methoden.

Gibt es ein Highlight in Ihrer Forscherinnenkarriere, auf das sie besonders stolz sind?

Ein Highlight war sicherlich die Teilnahme an einer Konferenz zum Thema Biokompatibilität von Medizinprodukten in Göteborg. Dort konnte ich mit Mitwirkenden der Normgebung aus Europa, den USA und China Gedanken über einen tierversuchsfreien Testansatz austauschen.
Ein weiteres Highlight war ein Telefonat mit einem Forschungspartner, der ganz freudig verkündete: ,,Es gibt einen Grund zu feiern, ich schulde Ihnen eine Flasche Wein!“ Gemeint hat er damit, dass seine Produkte mit unseren Testergebnissen die Zulassung bekommen haben. Das waren die ersten von vielen weiteren Medizinprodukten, die durch unsere In-vitro Tests ganz ohne Tierversuche auf dem Markt gelandet sind.

Was kommt als nächstes?

Gleich zwei weitere Forschungsprojekte bauen auf dem bereits etablierten Testsystem auf. Im Projekt „Orthoflex.c“ soll eine Knochenplatte entwickelt werden, die aus Epoxidharz besteht und den Vorteil hat, im Röntgenbild „durchsichtig“ zu sein. Bei komplizierten Brüchen hat der Arzt so die Möglichkeit, den Verlauf und Erfolg der Heilung besser verfolgen zu können. In einem zweiten Projekt „Meditex“ werden gemeinsam mit Partnern aus der Industrie medizinische Textilien/Gewebe entwickelt. Was die beiden Projekte verbindet, ist die Anwendung im medizinischen Bereich – was bedeutet, dass die Sicherheit der PatientInnen im Vordergrund steht. Deshalb wird schon während der Entwicklung ein großes Augenmerk auf die Verträglichkeit der Materialien gelegt.

Welche beruflichen Ziele haben Sie sich noch gesteckt?

Meine (utopische) Vision ist es, dass die von uns entwickelten In-vitro Methoden in Regelwerke aufgenommen werden. Ich weiß, dass die Normen zur Zeit „umgestaltet“ werden und sich ein Trend zu In-vitro Methoden bemerkbar macht. Es stärkt meine Motivation zu wissen, dass das, womit ich mich täglich beschäftige, ein aktuell brandheißes Thema ist, zu dessen Lösung ich aktiv beitragen kann.  

Wie verbringen Sie Ihre Zeit nach der Arbeit?

In meiner Freizeit bin ich gerne bei diversen Ballsportarten oder an der Kletterwand aktiv, am liebsten in guter Gesellschaft,  und manchmal gehe ich auch meiner kreativen Seite in diversen Basteleien nach. Meine wahre Leidenschaft ist allerdings das Reisen und Kennenlernen neuer Kulturen. Dass mich meine Neugierde nicht nur im Beruf begleitet, sondern mich auch immer zu neuen Orten zieht, kann man daran erkennen, dass ich schon 67 Staaten erforschen konnte. Außerdem habe ich schon 3 Mal längere Zeit im Ausland (Costa Rica, Nepal und Spanien) verbracht und Erfahrungen gesammelt, die mich bis heute sehr stark geprägt haben.

Fotos

  • In ihrer Forschungsarbeit entwickelt Elisabeth Mertl In-vitro Testmethoden, damit Hersteller von Medizinprodukten für ihre Zulassungsverfahren auf Tierversuche verzichten können. Foto: OFI