ACR Woman Award 2017: „Mit Herausforderungen mitwachsen“

Der ACR Woman Award 2017 geht an die Physikerin Evelin Fisslthaler vom Zentrum für Elektronenmikroskopie Graz (ZFE). Die 40-jährige Forscherin ist seit 2009 am ZFE tätig und ist Spezialistin für Nanoanalytik. Fisslthaler wird für ihre Führungsrolle bei dem Projekt „Quantitative Analyse innerer Grenzflächen“ ausgezeichnet. Bei dem Projekt geht es um die atomar aufgelöste Analyse und Charakterisierung von Materialien an ihren Kontaktstellen zu anderen Materialien. Der Preis wurde am 3. Oktober bei der ACR Enquete vergeben.

Mittwoch, 4. Oktober 2017. Die Strukturen, mit denen Evelin Fisslthaler sich beschäftigt, sind winzig. Evelin Fisslthaler ist Physikerin und ihr Spezialgebiet ist die Nanoanalytik. In dem Projekt, das sie leitete und für das sie am 3. Oktober 2017 mit dem ACR Woman Award ausgezeichnet wurde, geht es um Grenzflächen in elektronischen Bauteilen; um jene Stellen, wo verschiedene Materialien bzw. unterschiedliche chemische Elemente aufeinandertreffen.

Das Projekt „Quantitative Analyse von inneren Grenzflächen“ wurde von fünf Unternehmen aus der Halbleiterbranche gemeinsam mit dem ZFE entwickelt, die verschiedene Fragestellungen in Bezug auf die Eigenschaften der Grenzflächen zwischen den verschiedenen Elementen in einem elektronischen Bauteil hatten. Untersuchen lässt sich das nur mittels Transmissionselektronenmikroskopie (TEM), einer mikroskopischen Technik, die es ermöglicht, gewissermaßen „durch“ Atomlagen hindurch zu sehen und damit eine hochauflösende Analyse von Nanostrukturen erlaubt.

Der Effekt ist gewünscht
Ein Thema von Evelin Fisslthaler in dem Projekt waren unter anderem so genannte Dotierstoffe. Das sind chemische Elemente, die in der Herstellung von Wafern oder Computerchips gezielt eingesetzt werden, um die Eigenschaften der Halbleiterkristalle, zum Beispiel von Silizium, zu verändern. Fisslthaler hat sich unter anderem näher mit der Anlagerung von Stickstoffatomen beschäftigt, die zum Beispiel als Passivierungsschicht in die Grenzschicht eines Bauteils eingebracht werden. Der Effekt ist gewünscht, allerdings war vor Fisslthalers Arbeiten nicht klar, ob er tatsächlich auf Stickstoff zurückzuführen ist und wo sich Stickstoff in welchen Mengen ansammelt. Lokalisation und Menge sind entscheidend für die Eigenschaften eines Bauteils.

Evelin Fisslthaler gelang es in dem Projekt, an dem insgesamt sechs MitarbeiterInnen beteiligt waren, die methodische Expertise des ZFE hinsichtlich der quantitativen Analyse mittels Transmissionselektronenmikroskopie zu erweitern. „Wir können nun exakt bestimmen, welche Mengen von welchem Material an welchen Stellen im Bauteil auftreten“, sagt Fisslthaler. „Das war herausfordernd, aber Herausforderungen sind wichtig, damit man mit ihnen mitwachsen kann.“

Neugier und Entdeckergeist
Evelin Fisslthaler ist in vielfacher Hinsicht eine Entdeckerin. Sie gehört zu den wenigen Frauen, die einen naturwissenschaftlichen Beruf ausüben, dabei eine Führungsrolle haben und diese aber noch dazu in Teilzeit bewältigen. „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ist alles möglich“, sagt die 40-Jährige, die bald zweifache Mutter ist. Aufgewachsen in Salzburg, war für Evelin Fisslthaler immer klar, dass sie etwas Naturwissenschaftliches studieren will. Neugier und Entdeckergeist waren es, die sie schließlich zur Physik brachten. „Dieser unglaubliche Drang, herausfinden zu wollen, wie die Dinge funktionieren, ist wahrscheinlich allen Physikern gemein“, sagt Fisslthaler, die sich recht bald für ein Studium an einer technischen Universität entschied. „Mir schien die Technische Physik praxisnäher zu sein, ein Feld, wo man mehr ausprobieren und experimentieren kann.“

Fisslthaler studierte an der TU Graz, wo sie auch promovierte. Bereits in ihrer Dissertation ging es um Nanostrukturen, um jene von Polymeren. Sie arbeitete zunächst am Institut für Festkörperphysik der TU Graz und am NanoTechCenter Weiz, bevor sie 2009 als Senior Scientist zum ZFE kam. 2013 kam ihr erster Sohn zur Welt. „Ich hatte nie das Gefühl, mich zwischen Kind und Karriere entscheiden zu müssen“, sagt sie. „Mir war eine ‚Karriere‘ nie wichtig. Es geht mir darum, einen Beruf zu haben, der mich begeistert.“ Sie habe das große Glück „die Balance“ gefunden zu haben. Die Balance, das heißt für sie, konzentriert wissenschaftlich an einem Projekt arbeiten zu können und zugleich Zeit für ein erfülltes Familienleben zu haben. „Teilzeit“, so meint sie, „bedeutet oft, ständig wechselnde Aufgaben zu haben, mal hier, mal dort etwas zu machen. Das ist am ZFE anders: Hier wird es einem ermöglicht, auch in Teilzeit ein Projekt zu leiten, sich wissenschaftlich weiter zu entwickeln. Es ist nur eine Frage der Aufteilung der Aufgaben und des Vertrauens.“

Evelin Fisslthaler kehrte an das ZFE zurück, als ihr Sohn 14 Monate alt war. Für 24 Stunden in der Woche. „Es funktioniert“, sagt Fisslthaler. „Ich bin in der glücklichen Situation, meine Begeisterung für die Wissenschaft nicht gegen meine Begeisterung für das Muttersein aufwiegen zu müssen. Es ist beides möglich, wenn man unterstützt wird.“ Das Projekt zur „Quantitativen Analyse innerer Grenzflächen“ hat Evelin Fisslthaler im Oktober abgeschlossen. Inzwischen ist ihr zweites Kind unterwegs und für sie ist klar, dass sie wieder an das ZFE zurückkehren will: „Zu entdecken und zu verstehen gibt es noch genug.“

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Über das ZFE

Das Zentrum für Elektronenmikroskopie Graz (ZFE) ist ein Forschungs- und Entwicklungspartner für die Industrie und für öffentliche Auftraggeber im Bereich der mikroskopischen Materialcharakterisierung. Das ZFE konzentriert sich auf die Entwicklung neuer mikroskopischer Untersuchungs- und Präparationsmethoden für die Mikro- und Nanoanalytik von Werkstoffen, Bauelementen und Biomaterialien mittels Elektronenmikroskopie und verwandter mikroskopischer Methoden. Das ZFE kooperiert mit dem Institut für Elektronenmikroskopie und Nanoanalytik der Technischen Universität Graz, sodass Grundlagenforschung und Anwendung Hand in Hand gehen. Im Forschungsverbund sind die leistungsfähigsten Elektronenmikroskope Mitteleuropas im Einsatz. www.felmi-zfe.at 

Über den ACR Woman Award

Seit 2010 vergeben die ACR - Austrian Cooperative Research und das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft jedes Jahr den ACR Woman Award. Der Preis geht an eine Forscherin in einem naturwissenschaftlich-technischen Gebiet, die an einem ACR-Institut arbeitet. Ziel ist es, mit diesem Preis die individuelle Leistung der ausgezeichneten Wissenschaftlerin sichtbar zu machen und Frauen zu motivieren, eine Karriere in Naturwissenschaft und Technik einzuschlagen und zu verfolgen. Die eingereichten Anträge werden hinsichtlich Entwicklungspotenzial der Wissenschaftlerin, Innovationsgehalt des Projekts und praktische Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse beurteilt. Die Gewinnerin erhält 2.000 Euro, die für Aus- und Weiterbildung gewidmet sind.

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