Die Gebäudetechnikerin Katharina Kreuter erhält den ACR Woman Award 2016

Der ACR Woman Award 2016 geht an die Gebäudetechnikerin Katharina Kreuter von Güssing Energy Technologies (GET). Die 28-jährige Forscherin ist dort seit 2009 Projektleiterin und hat sich auf Nachhaltigkeit und erneuerbare Energie spezialisiert. Kreuter wird für ihre Leitungsrolle von „Cool PV“, einem multidisziplinären Forschungsprojekt zur Systemkombination von PV-Hybridkollektoren und Erdreichwärmepumpen, ausgezeichnet. Der Preis wurde am 3. Oktober bei der ACR Enquete vergeben.

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Wenn ihr die Projektleitung von „Cool PV“ etwas gezeigt hat, dann dieses: Dass es sich immer wieder lohnt, Ängste zu überwinden. Das ist eine altbekannte Erfahrung für Katharina Kreuter, Gebäudetechnikerin und Projektleiterin bei Güssing Energy Technologies (GET), die nun ihr Wissen nutzen will, um ein Vorbild zu sein für andere Frauen. Sie will sie motivieren, eine Karriere in Forschung und Technik zu verfolgen, auch wenn sie es sich spontan nicht zutrauen. „Was einen oft abhält, sind nicht die Beschränkungen von außen“, meint die 28-Jährige. „Es sind vor allem die eigenen, inneren Beschränkungen, die man zuerst überwinden muss.“

An den meisten Tagen ist Katharina Kreuter die einzige weibliche Mitarbeiterin bei der burgenländischen Güssing Energy Technologies (GET). Eine Ausnahme sind die Monate, in denen Berufspraktikantinnen kommen. Ein Umstand, der die junge Forscherin nicht weiter beschäftigt. Sie kennt das aus ihrer Kindheit, in der sie gemeinsam mit ihrem Vater an Autos herumgeschraubt und getüftelt hat. Sie sei ein „verpfuschter Bua“, kommentierten Viele in ihrer Umgebung damals. Das war nicht böse gemeint, lediglich eine Feststellung. Ein Mädchen, das gern Autos repariert, passt nicht zu den vorgesehenen Geschlechterrollen, also muss etwas mit dem Mädchen nicht stimmen.

Diese Kindheit hat Kreuter sehr geprägt. Dort wurde der Grundstein gelegt für ihre Liebe zu Autos und zur Technik. Vor allem lernte sie, neugierig zu sein und eigenständig Lösungen zu suchen. Als sie dann an der Fachhochschule Pinkafeld Energie- und Umweltmanagement studieren wollte, überkamen sie dennoch Zweifel: „Ich war mir nicht sicher, ob ich mich in einer Männerdomäne behaupten kann und ob ein technisches Studium das Richtige für mich ist.“ Kreuter konnte diese Zweifel mit Hilfe ihrer Eltern abschütteln, die sie immer bei ihren Entscheidungen unterstützt haben. Das war der nötige Rückhalt, der es Kreuter ermöglichte, sich in das Studium zu stürzen und der ihr deutlich machte, was das eigentliche Problem mit den Geschlechterrollen sein könnte: „Ich bin mir sicher, dass es viele Frauen gibt, die spüren oder sogar wissen, dass sie für einen technischen Beruf geeignet sein könnten, die es sich aber dann nicht zutrauen, das auch umzusetzen.“ Katharina Kreuter will für diese Frauen ein Vorbild sein und sie ermutigen, gerade die Dinge zu tun, die mit eigenen Zweifeln und Ängsten verbunden sind.

Bei Güssing Energy Technologies bekommt sie selbst viele Gelegenheiten, ihre inneren Beschränkungen kennen zu lernen und zu überwinden: Eines ihrer ersten großen Projekte war die Mitarbeit an der Entwicklung einer Adsorptionskältemaschine („Sunsorber“), die anstelle von Strom Wärme als Antriebsenergie verwendet.

Im Projekt „Cool PV“ bekommt sie erstmals die Gelegenheit, selbst ein Projekt zu leiten. Es ist ein multidisziplinäres Konsortium. An Cool PV sind neben der Güssing Energy Technologies, die ASiC, die Forschung Burgenland und die Gesellschaft für Solarenergie und Design (SOLID) beteiligt. Solid ist der Industriepartner im Konsortium. Eine junge Frau, die ein männliches und älteres Team führen soll? „Ich habe mich anfangs schon gefragt, wie das gehen soll. Erschwerend kam hinzu, dass ich einige Teammitglieder noch als Unterrichtende von der FH her kannte.“ Die Umkehrung der gesellschaftlich gegebenen Hierarchien machte Kreuter am Anfang mehr zu schaffen, als das technisch herausfordernde Projekt. Ihren „inneren Beschränkungen“ war das Faktum, dass sie durch ihre Masterarbeit und frühere erfolgreiche Projekte eine ausgewiesene Temperaturspezialistin und damit fachlich unzweifelhaft qualifiziert ist, anfangs gleichgültig.

In „Cool PV“ ging es um die Entwicklung eines Simulationstools, das die Leistungsfähigkeit von verschiedenen Photovoltaik/Erdwärme-Hybridsystemen bestimmen kann, ohne dafür zwangsläufig eine Anlage bauen zu müssen. Die Crux von Photovoltaiksystemen ist generell, dass die Leistungsfähigkeit der PV-Elemente stark von der Modultemperatur abhängt. Erhöht sich die Temperatur um 10 °C, sinkt die Stromleistung eines PV-Moduls um etwa fünf Prozent, so die Faustregel. Hybridkollektoren können dieses Problem lösen, indem sie die Module kühlen und die überschüssige Wärme auf Erdreichkollektoren für Wärmepumpen lenken. Die Kombination von PV-Modulen und Erdwärmepumpen kann die Effizienz beider Systeme erhöhen. Was man vor Cool PV nicht wusste: Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen den Systemen und mit der Umgebung? Wie können Anlagen so konfiguriert werden, dass sie einen optimalen Stromertrag bringen? Für Unternehmen, die die Technologie einsetzen wollen, sind das kritische Fragen, die vor Cool PV nur durch den Bau einer Anlage beantwortet werden konnten. „Wir haben jetzt durch das Simulationstool ein Instrument, mit dem man genau simulieren kann, wie die Erträge je nach Dimensionierung und Einsatz der verschiedenen Komponenten variieren“, fasst Kreuter zusammen. Das Großartige an der Forschung sei, dass man zu Beginn nie genau wisse, wohin die Reise führen wird. „Man glaubt, man hat einen bestimmten Lösungsweg, und dann muss man feststellen, dass ein Umdenken notwendig ist. Das macht es sehr spannend.“

Das Projekt ist ein Erfolg. Auch für Katharina Kreuter, die das Projekt seit Oktober 2014 durch alle Phasen geführt hat bis zum erfolgreichen Abschluss des Projekts. Die Jury zum ACR Woman Award war beeindruckt. Vom Umfang des geleiteten Projekts und seinem technischen Anspruch ebenso wie von Katharina Kreuter als Person. Denn es ist nicht das erste Mal, dass die junge Forscherin eine leitende Rolle hat: Sie ist unter anderem die Genderbeauftragte der GET und leitete die Durchführung des Genderchecks für das Forschungsunternehmen. Bei dem Gendercheck von FEMtech konnten die externen FachprüferInnen feststellen, dass bei Güssing Energy Technologies die Rahmenbedingungen stimmen. Es gibt flexible Arbeitszeiten, den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit. Dinge, die aus Sicht von Kreuter ohnedies selbstverständlich sein sollten. Sie will als Genderbeautragte nun dafür sorgen, dass die GET für Frauen attraktiv ist. Keine leichte Aufgabe, denn es gibt tatsächlich immer noch relativ wenige Frauen in Forschung und Technik.

Katharina Kreuter will weiterhin Beschränkungen überwinden. „Man hat ja auch kulturelle Vorstellungen und Vorurteile, die man nicht hinterfragt.“ Sie hat sich selbst eine Therapie verordnet „Viel von der Welt sehen.“

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