Die Finnen scheuen sich nicht, sich messen zu lassen

Ende Mai reiste eine 31-köpfige ACR-Delegation nach Finnland, bestehend aus Vertreter/innen der insgesamt 18 ACR-Institute, Ministerien, Interessenvertretungen sowie Medien, um sich anzuschauen, wie es ein „Innovation Leader“ trotz zahlreicher Krisen schafft, zurück auf die Überholspur bei Forschung und Innovation zu kommen. Selbstbewusstsein und Optimismus können hilfreich sein.

In zahlreichen Rankings nimmt Finnland eine Top-Platzierung ein, so soll es nicht nur das innovativste und sicherste, sondern auch das glücklichste Land sein. Diesen Umstand präsentieren die Finnen in ihrer Außendarstellung stets mit einem Augenzwinkern, aber nicht ohne Stolz. ACR-Geschäftsführer Johann Jäger sieht in den guten Rankingplatzierungen dabei auch eine gewisse Sogwirkung. "Die Finnen scheuen sich nicht, sich messen zu lassen", so Jäger. Durch den starken Fokus auf Bildung und die anhaltende Straffung der Strukturen in der Forschung ist das Land als Besuchsziel für andere Länder interessant, um sich etwas abschauen zu können. So auch für die ACR, die mit einer 31-köpfigen Delegation auf Einladung von VTT-Präsident Antti Vasara Ende Mai nach Helsinki kam.

Finnland hat Zeiten der Krisen genützt, um sich in Forschung und Innovation neu aufzustellen
Finnland steht zwar nach wie vor überdurchschnittlich gut da, aber der Glanz der Rankings kann die Probleme der vergangenen zehn Jahre nicht ganz überstrahlen. Die Rezession in Folge der weltweiten Wirtschaftskrise 2009 hat das nordische Land hart getroffen und führte zu Einsparungen in allen Bereichen. Nach einer leichten Erholung bekam die eng an Russland gekoppelte finnische Wirtschaft die Probleme des Nachbarn im Osten direkt zu spüren und sackte erneut ein. Dazu brachen nach dem Niedergang der Mobilfunksparte von Nokia Forschungsinvestitionen des Konzerns weg. Und auch die öffentlichen Forschungsausgaben gingen von 2011 bis 2017 insgesamt um 22 Prozent auf rund 1,8 Mrd. Euro zurück. Nun aber wendet sich das Blatt wieder. Nach einer kontinuierlichen Abwärtsentwicklung gehen laut Statistik Finnland die öffentlichen Mittel für Forschung und Entwicklung erstmals wieder nach oben. Gleichzeitig setzt Premier Juha Sipilä ein straffes Restrukturierungsprogramm in der Forschungslandschaft um, mit einem starken Fokus auf rasche Markteinführung von Innovationen und Exportorientierung.

Eine Kernmaßnahme ist die Fusion von Tekes und der finnischen Außenhandelsstelle FinPro zur neuen Förderagentur Business Finland, die Anfang 2018 begonnen wurde. Mit 600 Mitarbeitern verwaltet man laut Generaldirektor Pekka Soini ein Budget von rund 600 Mio. Euro jährlich. Doch nicht nur Fördereinrichtungen werden zusammengelegt, auch die Zahl der von den Einsparungen ebenfalls betroffenen Universitäten soll durch Fusionen von 14 auf rund die Hälfte schrumpfen. Eine gut funktionierende Innovationslandschaft soll Finnland zum international attraktivsten Innovationsstandort machen, so die Vision. Als strategische Schlüsselthemen für die Förderung wurden sechs Bereiche festgelegt: Bio- und Kreislaufwirtschaft, Umwelttechnik, Digitalisierung, Privatkundengeschäft, Reise, Gesundheit und Wohlbefinden. Dazu kommen als Querschnittsthemen die digitale Transformation oder auch die Arktis. Zu den Leuchtturmprojekten zählt Pekka Soini etwa „OneSea“, bei dem es um autonome Schifffahrt geht.

ACR-Institute festigen Beziehungen zu Finnland

Für die ACR-Institute hat sich die Reise jedenfalls gelohnt. Unter anderen hat Physiker Ferdinand Hofer vom Grazer Zentrum für Elektronenmikroskopie den Besuch genutzt, um eine Kooperation in der Feinstrukturforschung wiederzubeleben. Auch Martin Weigl von der Holzforschung Austria hat Gespräche geführt: Ein Projekt zur Innenraumluftqualität in Holzhäusern wurde erst kürzlich abgeschlossen, nun will man mit den Finnen zu wartungsfreien Holzfassaden forschen. Und Hans Starl vom Institut für Brandschutztechnik und Sicherheitsforschung hat seine Projektpartner für letzte Vorbereitungen getroffen. Er testet demnächst in Oberösterreich mit seiner Hagelmaschine das Glas für die 80 mal 40 Meter große Lichtkuppel eines Kreuzfahrtschiffs.

Selbstbewusstsein ist kein Fehler

Seit 2010 organisiert die ACR jedes Jahr eine Studienreise in ein am europäischen Rahmenprogramm beteiligtes Land, um sich ein Bild von dessen Forschungslandschaft und Innovationssystem zu machen, Ideen zu holen und Synergiepotenziale mit internationalen Partnern zu erschließen. Die Finnen, fasst ACR-Präsident Martin Leitl zusammen, zeigen vor, wie man angesichts "gravierender Einsparungen im Forschungs- und Innovationssystem" mit unbekümmert zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein mit einer Krisensituation optimistisch umgehen kann.

Die bisherigen Destinationen der ACR-Studienreise: Belgien (2010), Türkei (2011), Schweden (2012), Frankreich (2013), Luxemburg (2014), Dänemark (2015), Spanien (2016), Israel (2017), Finnland (2018).

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