Häufig sind es Szenen, die an Ausschnitte aus der ZIB oder Tagesschau erinnern, in Wahrheit aber eine ganz andere Absicht verfolgen. KI-generierte Deepfakes, die Konsument*innen zum Kauf dubioser Nahrungsergänzungsmittel animieren möchten, sind heute längst keine Seltenheit mehr. Um das tatsächliche Ausmaß derartiger Werbeanzeigen sichtbar zu machen, wurde im Rahmen des strategischen ACR-Projekts „Safe-NEM“ (ÖIAT, LVA, KMFA) erstmals eine systematische Erhebung durchgeführt. Das Ergebnis gibt Grund zur Sorge: Allein im ersten Halbjahr 2025 wurden mehr als 4.600 problematische Anzeigen mit einer europaweiten Reichweite von 21,5 Millionen dokumentiert – davon rund 5 Millionen in Österreich. Ältere Menschen werden dabei besonders oft erreicht, richteten sich doch über 75% der Anzeigen an Personen über 45.
Betrügerische Online-Werbung
Immer öfter werden mit Deepfake-Videos und anderen manipulierten Inhalten auf Facebook und Instagram Nahrungsergänzungsmittel beworben. Eine neue Analyse aus dem ACR-Projekt „Safe-NEM“, das gemeinsam von ÖIAT, LVA und KMFA durchgeführt wird, zeigt, in welchem Ausmaß solche Anzeigen eingesetzt werden und mit welchen Risiken sie einhergehen.
Institute
ÖIAT – Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation (Lead)
KMFA – KMU Forschung Austria
LVA – Lebensmittelversuchsanstalt
Projekt
Safe-NEM
Förderung
ACR – Strategische Projekte (BMWET)
Desinformation und Verschwörungsnarrative
Dennoch gibt es auch gute Nachrichten: Zumindest die analysierten Produkte der Stichprobe stellten sich als nicht gesundheitsgefährdend heraus. „Gleichzeitig sind die Narrative, mit denen die Bewerbung einhergeht, alles andere als unproblematisch“, erklärt Valentine Auer, die zuständige Projektleiterin am ÖIAT. So wurden Nahrungsergänzungsmittel in telefonischen Verkaufsgesprächen als Alternative zu verschriebenen Medikamenten bei der Behandlung chronischer Krankheiten wie Diabetes angepriesen. „Auch wenn die Produkte selbst nicht gesundheitsgefährdend sind, bergen solche Aussagen eine reale Gefahr für Konsumentinnen und Konsumenten“, so Auer.
Die Studie zeigt zudem, wie umfassend Desinformation eingesetzt wird. In vielen Anzeigen dominieren Verschwörungsnarrative – etwa die Behauptung, Ärzt*innen und Pharmakonzerne würden die Bevölkerung gezielt krank halten und Regierungen bahnbrechende Produkte systematisch verschweigen. Derartige Erzählungen untergraben – gepaart mit pseudowissenschaftlichen Behauptungen – das Vertrauen in evidenzbasierte Medizin und öffentliche Institutionen. Gleichermaßen leidet das Vertrauen in seriöse Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln.
Nicht selten arbeiten auch die verlinkten Verkaufsseiten mit manipulativen Methoden: Künstliche Verknappung, zeitlich begrenzte Rabatte, nachgeahmte Ministeriumsseiten oder täuschend echt wirkende Apothekenportale sollen die Nutzer*innen zu impulsiven Kaufentscheidungen drängen.
Zahlreiche Gesetzesverstöße
Die Werbepraktiken verstoßen gegen eine Vielzahl nationaler und europäischer Bestimmungen. Dementsprechend hat das ÖIAT in seiner Rolle als „Trusted Flagger“ mehrere Anzeigen gemeldet. Trusted Flagger gelten als vertrauenswürdige Hinweisgeber im Sinne des europäischen Digital Services Act (DAS). Während einzelne Werbeanzeigen in Folge tatsächlich in wenigen Tagen entfernt wurden, nahm Meta die betreffenden Seiten trotz klarer Urheber- und Markenrechtsverstöße nicht offline. Hinzu kommt, dass die schiere Anzahl an betrügerischen Inhalten Hinweisgeber*innen ihre Arbeit nahezu unmöglich macht.
„Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass dubiose Werbeanzeigen kein Randphänomen, sondern ein systemisches Risiko sind. Entsprechend trägt Meta eine rechtliche und ethische Verantwortung, solche Inhalte aktiv zu erkennen und zeitnah zu entfernen“, betont Auer abschließend.
Weiterführende Links
- ÖIAT - Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation
- KMFA - KMU Forschung Austria
- LVA - Lebensmittelversuchsanstalt
- Über das Projekt "Safe-NEM"